Da ich mich diesmal ziemlich schwer tat, eine für diese "Riesenaktion" würdige Geschichte zu erschaffen überlies ich es lieber Jemanden, der dies bedeutend besser kann und zusätzlich auch nicht wirklich unbeteiligt an der ganzen Planung und Umsetzung war. Vielen lieben Dank Matze, für die Opferung deines Vormittags. Ebenfalls gilt mein Dank an denen, die mir ihre shönen Fotos zur Verfügung stellen...mein Paps, Matze, Wolfgang Röller und Jan-Hendrik Schneider.
Überfallkommando die Zweite
„Hock Schieb Klatsch- nun mach schon... Kunze 1903“
„Ich bin Rumpelstilzchen auf dem höchsten Sandsteinturm der Welt!“
„Du, ich glaub ich bring das heute nicht...“
„Wann immer Du willst...“
Da wir nicht nur Kletterer sondern auch Konsumenten guter und realistischer Bergliteratur
sind, prägten diese legendären geschriebene Worte unseres Freundes Peter Brunnert
eine Weile auch meine Vorstellung des ersten und berühmtesten Aufstieges auf die Esse
an der Lokomotive. Und nicht nur meine wie man gleich sieht.
Je nun, auch ich hatte vorher um diesen Aufstieg jahrzehntelang einen Bogen gemacht
und nach einer Lesung im Mai 2012 im schönen Freiberg, saß ich noch hinterher mit Peter
und Beata bei Bier und Häppchen zusammen und uns wurde klar, das die Dunkelziffer
derer die den Überfall noch nicht hatten, oder kopfschüttelnd mit Grausen gepackt den
Rückzug von der Pfeife angetreten waren, bedeutend höher sein musste als bisher
angenommen oder zugegeben.
Nach dem dritten Bier wurde kurzerhand beschlossen, dieses Problem gemeinsam
anzugehen und diese entscheidende Scharte auszuwetzen, die uns noch trennte vom
echten harten Sachsenkletterer.
In Zeiten moderner Kommunikationsmöglichkeiten sind nun auch traditionsreiche
Sachsenkletterer in einem nicht genannt werden wollendem blauen sozialen Netzwerk,
welche mit „f“ beginnt, verbunden. Als Gruppe „Elbsandsteinklettern“ gegründet, erfreut
diese Möglichkeit mehr und mehr Gleichgesinnte.
Kurz gesagt, die Zahl der Überfallwilligen stieg Tag um Tag an und so wurde der
8.September 2012, es war ein Samstag, nach einiger Diskussion ausgemacht um der
Esse zu Leibe zu rücken.
Es war sogar gelungen das Biwak-Team um Thorsten Kutschke, welches immer neugierig
nach einfallsreichen oder verrückten Aktionen ist, für eine Kamerabegleitung zu
begeistern, so das man davon ausgehen konnte das der Puls bei allen Beteiligten des
Events in ungeahnte Höhen würde schnellen. Ich hatte die Verbindung zum Biwak-Team
und wartete an jenem trüben Morgen ab 9 Uhr, durchaus aber nicht unaufgeregt, auf das
was uns erwarten würde... Schwitzend saß ich vor der Lok, hatte ich doch im ohnehin
schon im reichlich gefüllten Kletterrucksack noch irgendwie zusätzlich 18 Flaschen
böhmisches Bier nach oben befördert.
Und alle kamen sie.
Peter und Beata, diesmal leicht nervös und wie immer super nett. Ulf, der Polizist aus
Elsterwerda, der eigentlich Überfälle als strafbar einschätzt. Tina und Sebastian, wobei
Tina nur hintersichern wollte und Basti mit seiner gewohnten Art den Ruhepol gab. Jan-
Hendrik, immerhin 1,90m gross und wie immer stand seine freche Klappe nicht still. Anne,
noch leicht angeschlagen vom vorherigen wohl sehr gesellig verbrachten Abend, aber wild
entschlossen die Esse zu besteigen. Ihr wurde sofort das Mikrofon für „unterwegs“
verabreicht. Conrad, er ist und bleibt 1,57m „gross“. Als erstes wurde dies vom Biwak-
Team vor laufender Kamera mit Zollstock nachgemessen. Dazu Moritz und Hannah, um
nur einige zu nennen. Es wimmelte von Fernsehtechnik und willigen Überfallopfern am
Wandfuß der guten alten Lokomotive.
Dazu hatte Thorsten wirklich Prominenz aufgefahren. In den Seilen rund um die Esse,
bewaffnet mit Mikrofonen und Kameras, hingen mit dem Himalaya-Bergsteiger Frank
Meutzner und dem bekannten Kletterer Thomas Türpe alte Kämpen, vor denen sich wohl
keiner blamieren wollte... Der Adrenalinspiegel stieg somit weiter an. Wir konnten dennoch
nicht ganz an uns halten und so wurden eins zwei Bier vorher auserkoren, uns zu
beruhigen und die Wartezeit zu vertreiben.
Nach einer gefühlten Ewigkeit begann die erste Seilschaft. Peter und Beata kamen über
den Alten Weg am Dom wohlbehalten auf dem Kesselgrat an, dann führte ich leicht
beschwippst und dadurch durchaus aufgeregt die zweite Seilschaft ebenfalls dahin. Ulf,
Jan-Hendrik und Anne folgten problemlos. Inzwischen hatte es sich die gute Tina auf dem
Grat sehr bequem eingerichtet, sie hintersicherte nun alle Aspiranten und sollte das auch
noch eine geschätzte Ewigkeit tun.
Der Atem stockte als Peter begann den Gang seiner Buchgeschichte zu vollenden.
Langsam balancierend gelangte er zu Pfeife, legte sicherlich dieselbe windige
Pollerschlinge wie damals und stellte sich bereit. Das Wetter war nicht so zugig und
abweisend wie 2008, zwar hatten dicke dunkle Wolken aufgetürmt doch es war angenehm
und windstill. Nur ein paar Karabiner klickten und Herzen klopften. Es war still. Alle
Augenpaare hatten nur ein Ziel.
Hock Schieb Klatsch! Es gelang beim ersten Versuch und Peter hing in der Horizontalen.
Rübergezogen, Schlinge gelegt, der Quergang und Ausstiegsriss war eine gemähte Wiese
diesmal. Und das unter den Augen der MDR-Kameras! Beifall und das beklemmende
Gefühl nun auch bald dran zu sein machte sich breit.
Doch zunächst sorgte erst einmal Beata dafür das wir den Atem anhielten. Auch sie
machte mutig den Überfall ohne viel Federlesen, gab aber beim Rüberziehen ihre stabile
Lage zu schnell auf und damit ihre Körperspannung- und fiel scheppernd in die Schlucht!
Gott sei Dank, nichts getan, nur die Brille hatte den Weg zum Wandfuß angetreten, wo sie
glücklicherweise unbeschadet von Thorsten gefunden wurde.
Dann folgte Bergleidenschaft pur. Trotzig lächelnd, wild entschlossen und nun ohne Brille
bewaffnet kletterte Beata zur Pfeife zurück und der zweite, von ihr als „letzter Versuch“
deklariert, gelang! Der Beifall trug sie auf den Gipfel.
Ulf und Jan-Hendrik waren als nächste dran und so reihte sich Gipfelstürmer um
Gipfelstürmer auf dem Dachfirst des Kesselgrates zum Gipfel ein. Mir war zudem die
ehrenvolle Aufgabe zugefallen eine Art Helmkamera zu tragen um von unterwegs bewegte
Bilder einzufangen. Das bedeutete nun langsame Bewegungen und Kopfdrehungen,
klettern in Zeitlupe! Auf der Pfeife holte ich Anne nach und da saßen wir, über uns die
Esse und alle Kameras auf uns gerichtet, unter uns der friedliche Amselsee. Alles hätte so
schön sein können, nur dachten wir lange nicht mehr daran das Annes Mikrofon
eingeschaltet war. Ich hoffe inständig unsere Unterhaltung in dieser präkeren Lage war
anständig und der Situation ansatzweise angemessen...
Auch mir gelang dann der Überfall wider Erwarten gut, nur vergas ich auch noch die
Helmkamera, stiess mehrere Male mit dem dämlichen Ding im Riss an und lieferte nun
sicher sehr wirklichkeitsgetreue Bilder ins Studio.
Hach, war es oben herrlich! Berg Heil Peter und Beata!
Von dem Gedanken war Anne noch nicht beseelt. Sie stand zunächst ratlos auf der Pfeife.
Wohlmeinende Countdowns, von Peter oben angezählt, verhallten weit über dem
Amselsee. Ein nächster Versuch- rückwärts überzutreten scheiterte genauso wie
rüberzuspreizen. So setzte sich bei ihr auch die Erkenntnis durch, wohl Augen zu und
durch! Ein letztes Mal „Drei, zwo, eins...!“ und Annes Arme flogen an die Zielwand! Diesen
Augenblick der Konzentration und Anspannung, von unten vom Wolfgang Röller just
festgehalten, wurde ein grandioses Bergfoto.
Ächzend und das Letzte an Körperspannung und Spreizfähigkeit mobilisierend, gelang
auch Anne der Zug an die Esse. Quergang, Riss und die erste Seilschaft war komplett
oben.
Wir schrieben uns ein:
„8.9.12 KC Liebesnadler, Überfall.
Peter Brunnert
Beata Brunnert
Jan-Hendrik Schneider a. Guest
Matthias Jäger a. Guest
Anne Kratina a.Guest
Ulf Schmidt“
Unten hatte sich derweil bereits wohl eines der unglaublichsten Manöver des Sächsischen
Felskletterns abgespielt. Conrad mit seinen schon erwähnten 1,57m Körpergrösse hing,
von Sebastian auf der Pfeife gesichert, im Vorstieg nahezu quer im Abgrund und zog sich
ebenfalls zur Esse hinüber. Die zweite Seilschaft sollte somit folgen und damit nicht die
letzte an jenem Tag. Biere und Kuchen machten derweil unten die Runde.
Danke an alle Beteiligten und Freunde für dieses wunderbare gemeinsame Erlebnis,
Danke an Thorsten und das MDR- Team. Wir harren wohl alle gespannt auf den Biwak-
Beitrag und ja, dieses gemeinsame Erlebnis wird seine Fortsetzung finden.
Wir liessen den Tag zunächst am Lamm und Honigstein ausklingen, später bei einer
zünftigen geräucherten Forelle in Rathen unten.
Und immer wieder gibt es Überraschungen, das wurde uns noch bewusst- ja auch
Experten haben manchmal den Überfall noch nicht! Er gab es kleinlaut hinterher zu.
Thomas Türpe hat ihn auch noch nicht.
Matthias Jäger
Copyright by Wolfgang Röller
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Copyright by Matthias Jäger
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umso mehr Überfälle können wir nun machen *freu*
AntwortenLöschenlg michi
leider hat anscheinend mal wieder jemand genau dieses Gipfelbuch entfernt ;-X
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